
Riesling Lagenweine - Vom Öchlse zum Terroir |
Die Mosel – Lagenklassifikation von 1868 ist auch die Grundlage für die Lagenbewertung im Rebenhof. Nur die besten Weine aus klassifizierter Spitzenlage, die in besonderer Weise die Einzigartigkeit des Terroirs widerspiegeln, werden als Lagenwein Ürziger Würzgarten angeboten. Dabei sind erreichte Öchslegrade interessant – aber für uns niemals das alleinige Maß der Dinge. Empfohlen sei Ihnen hier der folgende Artikel „Von Öchsle zum Terroir“ aus der FAZ.
Von Öchsle zum Terroir -
Ein oenologisches Manifest
Von Reinhard Löwenstein
Ein Gespenst geht um in der
Weinwelt. Sein Name ist Terroir.
Es verunsichert spätlesegewohnte Weintrinker, erschrickt manch’ braven Winzer
und erhöht den Blutdruck alteingesessener Politiker und Verbandsfunktionäre.
Weinqualität wird in Deutschland seit gut hundert Jahren über »Öchsle«
definiert, über die Menge des während der Reifeperiode in der Traube
assimilierten Fruchtzuckers. Je mehr, je besser.
Jeder Weinberg, jede Rebsorte hat so die demokratische Chance, als Spät- oder
Auslese in den Olymp des Bezeichnungsrechts aufzusteigen. Und nun formiert sich
die Avantgarde der Weinwirtschaft und postuliert das »Terroir«, diffamiert die
gesetzlichen Qualitätskriterien und die modernen Methoden der Weinherstellung
als Vergewaltigung eines göttlichen Getränkes durch den kalten Zeitgeist der
Industrialisierung. Qualität will sie über den geschmacklichen und kulturellen
Ausdruck des Weinbergs definieren. Rebsorten und Bewirtschaftungsformen werden
vorgeschrieben, Weinberge klassifiziert.
Ist das nicht Feudalismus durch die Hintertür?
Als die Idee der Öchslegrade Ende des 19. Jahrhunderts erstmals als qualitätsbestimmender
Faktor in die deutsche Weingesetzgebung aufgenommen wurde, war es - wie heute -
allen Beteiligten klar, dass der liebe Gott beim Verteilen der Qualität an die
verschiedenen Weinberge ganz und gar nicht nach populistisch-demokratischen
Kriterien vorgegangen war. Dennoch wurde in Deutschland - im Gegensatz etwa zu
Frankreich - die seit dem frühen Mittelalter gewachsene Bonitierung von Weinen
über an bestimmte Produktionsvorschriften gebundene Herkunftsangaben von einem
chemischen Bestandteil des Traubensaftes abgelöst. Dies mag in dem von
Wissenschaft und Moderne geprägten Weltbild eines protestantischen Preußentums
zu suchen sein, ist sicherlich aber ebenfalls Ausdruck der Spezifika des
Deutschen Weinmarktes.
In den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts erlebte er seine »goldenen Jahre«.
Gegen die mit den Auswanderungsströmen aus Amerika eingeschleppten
Pilzkrankheiten war mit der »bordelaiser Brühe« ein wirksames Gegenmittel
gefunden. Neu entwickelte Maschinen erleichterten in Weinberg und Keller die mühselige
Handarbeit und ein modernes Eisenbahnnetz optimierte die Distribution. Dazu ließ
der neo-romantische Zeitgeist das deutsche Bürgertum nicht nur von
mittelalterlichen Burgen, schroffen Felsen und verführerischer Loreley träumen
sondern entsprechend geheimrätlichen Vorbilds vornehmlich die Weine von Rhein
und Mosel pokulieren. Deutscher Wein war »mega-in« und in den
Spitzenrestaurants der europäischen Metropolen teurer gelistet als die berühmten
Châteaux aus Bordeaux. Schmucke Jugendstilvillen und prächtige Kellereigebäude
an Rhein und Mosel zeugen heute noch von der wirtschaftlichen Prosperität
dieser Jahre.
Wo Licht, da Schatten. So mancher machte eine schnelle Goldmark mit recht fragwürdigen
Methoden. Rosinen aus Griechenland, Billigwein aus Italien, Zuckerwasser… Im
Vergleich zu den Praktiken heutiger Wein-Frankensteins liest sich dies alles
zwar noch recht »natürlich«. Trotzdem: Viele ehrliche Produzenten sahen sich
damals mit Recht in ihrer Existenz bedroht und forderten Schutz durch ein neues
Weingesetz. 1892 wurde es in seiner ersten Fassung verabschiedet. Die
schlimmsten Panschereien wurden verboten und als Kompromiss wurde das »Verbessern«
einfacher Konsumweine durch den Zusatz von 25 Prozent Zuckerwasser zum
Traubensaft legalisiert. Dies bewirkte neben der Erhöhung des Alkoholgehaltes
und der Reduktion der Säure eine profitable Vermehrung des Volumens. Bei
Spitzenweinen wurde jedoch jegliche Manipulation verboten. Sie durften daher als
»naturreine« Weine bezeichnet werden. Ein Begriff, der erst mit dem Weingesetz
von 1971 abgeschafft wurde und dem sich viele Spitzenproduzenten Deutschlands
auch heute noch verpflichtet fühlen. Es ist es nicht verwunderlich, dass heute
insbesondere die Mitglieder der »Prädikatsweingüter«, deren Vereinigung aus
den um die Jahrhundertwende gegründeten regionalen Versteigerungsringen für
naturreine Weine hervorging, an der Spitze der Terroirbewegung stehen. Und wie
vor hundert Jahren definiert sich der altmodische Begriff »naturrein« in der
Abgrenzung zu den Geschmacksmanipulationen im Weinkeller.
Die Antwort auf die Frage, ob der Most nun »naturrein« gehalten oder »verbessert«
werden sollte, lieferte die Öchslewaage. Die von dem Pforzheimer Optiker
Ferdinand Öchsle konstruierte Dichtespindel erwies sich als ein praktisches Messinstrument
für den Zuckergehalt und entwickelte sich langsam zu einem quasi objektives Maß
für Weinqualität. Zum großen Durchbruch für die Öchsle kam es aber erst in
den Wirtschaftswunderjahren, als der deutsche Weinbau mit Traktoren, Kunstdünger
und mit neuen, öchsleträchtigen Klonen und Rebsorten völlig umgekrempelt
wurde. Die Anbaufläche wurde verdoppelt, die Erträge vervielfacht und neue
Maschinen und Geräte bewirkten eine ungeahnte Produktivität im Weinberg und gänzlich
neue Perspektiven im Keller. Es galt ja schließlich auch, der wachsenden
Nachfrage gerecht zu werden, und das nicht nur in der Menge, auch beim
Geschmack. Schön »lieblich« sollte er sein, blumig und süffig. Ob diese
Entwicklung mehr durch das von verschiedenen Psychologen beschriebene Süßigkeitsdefizit
der Kriegsgeneration oder durch die archaische Sehnsucht nach den süßen und
reifen Früchten zu erklären ist? Technisch war es jedenfalls erstmalig möglich,
im großen Stile Süßweine herzustellen. Während derart »süß gehaltene
Weine« in den fünfziger Jahren oft noch von den Landwirtschaftskammern als »nicht
Gebietstypisch« abgelehnt wurden, waren sie in den Sechzigern schon die Norm.
Ihren Höhepunkt erreichte die »süße Welle“ mit dem Weingesetz von 1971.
Der Begriff »naturrein« wurde abgeschafft und durch »Prädikate« ersetzt,
die über Öchsle definiert wurden. Kabinett, Spät- oder Auslese, alle heute
noch gängigen Bezeichnungen, wurden mit Öchsleschwellen verknüpft.
Selbstverständlich versuchten die Winzer daraufhin, mit möglichst viel Öchsle
die profitableren Qualitätsstufen zu erreichen. Der Charakter von Weinberg und
Rebsorte, das Alter der Rebstöcke, die Pflanzdichte, die Erntemenge, d.h.
Qualitätsfaktoren, die weltweit als entscheidend angesehen werden, wurden in
diesem Weingesetz nicht erwähnt. Und in der Praxis traten sie immer mehr in den
Hintergrund. Hauptsache Öchsle, Hauptsache Spätlese. Selbst allerdünnste
Weinchen wurden als gesetzlich sanktionierter »Qualitätswein« mit klingenden
Namen auf dem Weltmarkt mit großem Erfolg abgesetzt. Nicht nur, dass Terroir in
der Beurteilung der Weine keine Rolle mehr spielte, bei derartiger weinbaulicher
Praxis war es auch ganz einfach nicht mehr zu schmecken.
Die große Ernüchterung dann in den achtziger Jahren, als der Weltmarkt für
deutschen Wein zusammenbrach und sich auch in Deutschland niemand mehr so
richtig für die originalverkorksten Spätlesen begeistern wollte. Die deutsche
Weinwirtschaft hatte die Trends in Richtung moderner Esskultur, ars vivendi und
Ökologie ganz einfach verschlafen. Kein Wunder, hatte doch die staatliche
Subventionspolitik dafür gesorgt, dass sich die Weinlandschaft als Puzzle
tausender Kleinstbetreibe darstellte. Wie in der übrigen Landwirtschaft war die
Wirtschaftspolitik längst einer ländlichen Sozialpolitik gewichen.
Subventionen mit der übervollen Gießkanne verhinderten die Entwicklung
wirtschaftlich sinnvoller Betriebsstrukturen, lieferten aber mit dickeren
Schweinen, volleren Kartoffelsäcken und süßeren Weinen einen wichtigen
Beitrag in der ideologischen Auseinandersetzung mit der „DDR“.
Den Winzern war damit wenig geholfen. Sie fanden sich ratlos ob der mangelnden
Akzeptanz ihrer vermeintlichen Spitzenweine und verteufelten »Brüssel« und
den billigen Auslandswein. Aber da die Augen und Ohren der führenden von
Weinbaupolitiker und -funktionäre mehr auf edelstahlblinkenden Abfüllanlagen
ruhten als auf kulturellen Entwicklungen, war es vorauszusehen, wie die Branche
auf die Krise reagieren würde: Anstatt eine ökonomischen und kulturellen
Kehrtwende einzuleiten wurde versucht, die alten Strategien und Konzepten zu
optimieren: noch mehr Schlagkraft, noch mehr Senkung der Produktionskosten, noch
mehr Technik, to make it better and cheaper. Wichtige Innovation in dieser Zeit
war die Adaption des Begriffs »Marketing«. Dies nicht zu »können« gereicht
zwar der deutschen Winzerseele zur Ehre und entspricht den Projektionen
Heile-Welt suchender Städter, das Zauberwort entpuppte sich aber in seiner auf
den Aspekt »der Wurm muss dem Fisch schmecken« reduzierten Interpretation mit
zielgruppenorientierten Geschmäckern und Designs als der bis heute anhaltende
vermeintliche Hoffnungsträger.
Nicht nur das geänderte Konsumverhalten hatte den Weinmarkt in den 80er und
90er Jahren komplett verändert. Hochmoderne Unternehmen insbesondere aus
Kalifornien und Australien hatten begonnen, als global-players den Ton an zu
geben. Sie verjagten nicht nur mit modernem Chardonnay, Sauvignon blanc und
diversen abgesofteten Rotweinen die deutschen und französischen Bouteillen aus
den Supermarktregalen, sie »befreien« die Welt auch von den letzten
verbliebenen Resten des Respekts vor dem Kulturgut Wein. Das Motto »Geschmack
ist machbar« begann seinen Siegeszug auch im konservativen Europa.
Verfahren, die seit langem bekannt, aber verpönt waren, wie etwa die öchsleerhöhende
Konzentration des Traubensaftes mittels Umkehrosmose und Vakuumverdampfung,
wurden nun legalisiert.
Mehr oder weniger geröstete Eichenholzspäne bescheren uns heute Aromen von
Vanille bis Schokolade. Und in Gestalt von Enzymen und Hefen füllen die jüngsten
Erkenntnisse der Biochemie unzählige hochglanzbedruckte Plastiktüten. Das
Aroma von grünen Äpfeln gefällig? Pfirsich, Mango? Oder lieber schwarze
Kirschen mit Johannisbeeren?
Die Beipackzettel lesen sich wie ein Horrortrip in die Forschungslabore
Frankensteins. Trunken von megadesignten Blockbustern bombardieren die deutschen
Apologeten digitaler Weine eingeschüchterte Traditionalisten: Was Australier dürfen
und Franzosen schon seit Jahren praktizieren, das wollen wir auch! Ob
internationale Weinorganisation oder regionaler Winzerverband. Jeder kämpft für
die Freiheit auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner. Mit zunehmendem Erfolg. Das
lineare Denken des »mehr« und »besser« läßt Plastikweine entstehen, die
Hirn und Sinne betäuben. Der alte Traum der Menschheit nach Beherrschung der
Natur scheint in greifbarer Nähe, die Phyton als Wächterin am heiligen Gral
des Wein tödlich getroffen. Wein ist beherrschbar, Wein ist machbar, Wein ist messbar.
Während das deutsche Weingesetz mit seinem anachronistischem
Dampfmaschinendenken weiterhin auf klapprigen Öchslen reitet, haben sich auf
dem Markt parallel dazu diverse Medaillen- und Bewertungssysteme nach dem
Prinzip »Schulnoten für Geschmack« etabliert. International regieren heute
die »Parkerpunkte«. Die Weinbewertungen von Robert Parker jun. mischen die Märkte
auf und entscheiden über das Schicksal ganzer Regionen. Aber während der
amerikanische Weinjournalist und seine Mitarbeiter noch der archaischen Betätigung
nachgehen, die Weine tatsächlich organoleptisch zu verkosten, ist die
kalifornische Firma Enologix schon einen Schritt weiter: Hier werden die Punkte
schon vergeben, bevor der Wein fertig ist. Für einen Beitrag von 500 bis 5000 $
pro Monat vertrauen immer mehr renommierte Weinproduzenten einer Datenbank mit
den chemischen Parametern von über 50.000 analysierten Weinen, die alle mit »Parkerpunkten«
kalibriert sind und damit recht genau darüber informieren, ob der Wein einmal 5
oder 100 $ kosten kann.
Der Wein ist angekommen in der modernen Industriegesellschaft. Die Entwicklung,
die sich bei anderen Getränken wie Fruchtsaft und Bier schon vor vielen Jahren
vollzog, hat den Wein erreicht. Food Design statt Vinifikation. Aber, wo ist das
Problem? Wen stört’s wenn der Wein billiger wird und besser schmeckt? Was
soll Maschinenstürmerpolemik im 21. Jahrhundert?
Während sich die St Georgs Chemiker in ihren Frankensteinlabors die Hände
reiben, sieht es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in den Weinbauregionen sehr
traurig aus. Überproduktion, Preisverfall, Identitätskrise. Kein Wunder, die
meisten Weine sind ja beliebig austauschbar oder aber sie schmecken nicht
marktgerecht. Längst überschreiten Transferleistungen die Beiträge zum
Bruttosozialprodukt. Winzer degenerieren zu subventionierten Museumswächtern
ihrer eigenen Weinberge. Und sobald der Fluß von Subventionsgeldern ins Stocken
gerät werden Berufsschulen geschlossen und bleiben ganze Dörfer ohne
Winzernachwuchs. Spitzenlagen, die vor hundert Jahren pro Quadratmeter das Äquivalent
von drei Tagen qualifizierter Arbeit kosteten, sind heute nach fünfzehn Minuten
verdient. Landschaftsprägende Steillagen, Teil einer über 1000 jährigen
Kulturlandschaft, sind für Centbeträge zu haben, werden verschenkt, liegen
brach. Mit entsprechenden Folgen für die Ökologie und für den Tourismus. Die
Brombeeren auf den zuwuchernden Steillagen verdrängen Goldaster, Diptam,
Felsengoldstern, Buchsbaum, Felsenahorn, Felsenkirsche und Weiße Fetthenne,
alle wertvolle Teile einer einzigartigen Weinbergsflora. Sie rauben
Smaragdeidechse, Schlingnatter, Segelfalter und dem noch seltener anzutreffenden
Apollofalter die Lebensgrundlage. Durch die Verschandelung des Landschaftsbildes
und die Verarmung der Dörfer verlieren die Weinbauregionen überdies noch den
Tourismus, einen der wenigen noch profitablen Wirtschaftsbereiche.
Verwüstet wird weltweit auch eine andere Kultur, die Geschmackskultur. Getreu
dem Schlachtruf der Food-Globalisierer: »Macht Kindergeschmack in der Erwachsenenwelt
populär!« schmecken ehemals durch faszi-nierende Mineralität verzaubernde
Rieslinge, hinter adstringierender Unnahbarkeit verborgene Barolos und mit
wilder Würze vibrierende Syrah-Weine heute immer mehr nach Fruchtsalat,
Erdbeermarmelade oder Schokoladensirup. Die Strategen in den
Marketingabteilungen haben es erkannt: Erwachsene haben überall auf der Welt
unterschiedliche Esskulturen und Geschmackpräferenzen. Aber alle Kinder dieser
Welt mögen’s schön fruchtig und süß. Es lebe daher die Infantilisierung!
Zurück in die Oral-Phase!
Ob mit Rudolf Steiners »Landwirtschaftlichem Diskurs« unter dem Arm, mit einem
aufgeklärteren, modernern Ökobewusstsein, aus religiös fundierter
Verantwortung vor der Schöpfung, wirtschaftlich nüchternem Kalkül oder aus
Heimatliebe: Schon seit vielen Jahren regt sich der Widerstand.
Doch erst als Reaktion auf die Exzesse der letzten Jahre formierte sich weltweit
die kulturell breit angelegte Gegenbewegung.
Ein Gespenst geht um. Es ist ein guter Geist. Sein Name ist Terroir.
Terroir ist Aufklärer, kein Maschinenstürmer. Niemand hat Probleme mit
industriell hergestellten Weinen. Im Gegenteil. Sie sind billig und tragen zur
Demokratisierung des Weins dar, in dem sie jedem den Zugang zu einem zumindest
in Deutschland traditionell elitären Getränk ermöglichen. Aber so wie sich
ein Poster von einem Originalgemälde, sich Kofferradio von Konzertsaal und
Dieter Bohlen von Mozart unterscheidet, liegen Welten zwischen einem
Industriewein und einem Terroirwein. »Nicht alles, was aus der Traube stammt
und gut schmeckt, ist deswegen auch Wein.« schreibt der angesehene
Weinrechtskommentator Professor Hans-Jörg Koch.
Terroir steht für Klarheit und Transparenz. Weinkultur soll nur dann auf das
Etikett, wenn sie in der Flasche auch drin ist. Und wenn der Name einer Region,
eines Dorfes oder gar ein Weinbergs auf der Flasche steht, darf dies nicht nur
»formal« stimmen, der Wein muss den entsprechenden Charakter seiner Herkunft
auch verkörpern. Gleiches gilt für Angaben wie Rebsorte und Jahrgang.
Terroir steht für einen ökologisch verantwortlichen Umgang mit der Natur,
sowohl im Weinberg, wie auch im Keller, und damit für einen bewussten Verzicht
auf die vielen zweifelhaften Segnungen der Moderne.
Terroir steht für Kultur und entzieht sich damit der Welt des wissenschaftlich Messbaren.
Die »objektiven Weinbeurteilungen« und Prämierungen in Blindproben haben in
der Terroir-Welt keinen Platz. Michael Broadbent, Grandseigneur der
Weinjournalisten formuliert so schön: »Bei Weinprämierungen denke ich immer
wieder an Miss-Wahlen. Die attraktivsten und intelligentesten Mädchen bleiben
zu Hause.« Viele fortschrittliche Kräfte in den Ministerien und Weinbauverbänden
unterstützen die Terroirbewegung und lassen wertvolle Gedanken in ihre Konzepte
einfließen. Erste Früchte reifen derzeit im VDP, dem Verband der Prädikatsweingüter.
Nach der Bonitierung aller Weinberge blieben nur etwa zehn Prozent als wirkliche
Terroirs übrig, für deren Bewirtschaftung und Vinifikation besondere Qualitätsparameter
eingeführt wurden. Ab 2004 dürfen nur noch derart klassifizierte Weine mit dem
Lagenamen ausgestattet werden. Während alle anderen Weine als Orts- oder
Gutsweine vermarktet werden, kristallisiert sich aus den klassifizierten Lagen
eine Spitzengruppe deutscher »grand crus« heraus, die je nach Region als »erstes
Gewächs«, »großes Gewächs« oder als »erste Lage« bezeichnet werden und
an einem Logo zu erkennen sind.
Die Nachfrage nach solchen Terroirweinen wächst seit Jahren kontinuierlich und
alle Marktbeobachter sind sich einig, dass sie in der Gegenbewegung zu der
ebenfalls zunehmenden Cocacolaisierung weiterhin steigen wird. Schon heute
sichert die welt-weite Begeisterung für kulturbeseelte Weine einer wachsenden
Zahl von Winzern ein ausreichendes Einkommen und lässt darüber hinaus immer
mehr jungen Menschen den Winzerberuf wieder interessant erscheinen. Und
mancherorts werden sogar eingestürzte Trockenmauern in mühevoller Handarbeit
wieder aufgeschichtet und brachliegende Weinberge neu angelegt.
Ist Terroirweine also der Zaubertrank zur Rettung des deutschen Weinbaus? Schön wär’s. Aber die deutsche Weinlandschaft besteht leider nicht nur aus traditionellen Weinbergen. Tausende Hektare in Wirtschaftswunderjahren bepflanzter Schwemmlandböden und Rübenäcker liefern, selbst wenn hier mit alten Reben nur noch die Hälfte geerntet werden würde, nur »just wine«. Und der steckt in der Globalisierungsfalle. Warum sollte der mündige Bürger deutschen Wein kauften, wenn gleicher
gleicher Geschmack aus
anderen Ländern viel billiger zu haben ist? Niemand kann ernsthaft erwarten, daß
die steigende Reputation deutscher Terroirweine irgendwann einmal im Kielwasser
dümpelnden Billigweine in die Gewinnzone zu schleppen vermag.
Anstatt viel Geld in Produktionsoptimierung, Marketing und Destillation zu
investieren wären daher alle gut beraten, über sinnvolle Alternativen in der
Flächennutzung nach zu denken: Nussbaumalleen und Parks mit Stellplätzen für
Caravans, Retentionsräume für Hochwasser oder einfach nur Wiesen und Biotope.
Welch’ himmlisches Szenario, wenn sich der Weinbau wieder auf seine
traditionellen Weinberge zurückziehen würde.
Alle traditionellen Weinbauregionen der Welt, ob in Europa, Australien oder Süd-Afrika
stehen heute vor der Frage, wie sie der Cocacolaisierung begegnen und ihr
kulturelles Erbe retten können. Und es ist nicht verwunderlich, daß gerade in
Kalifornien schon vor 4 Jahren der erste Terroir-Kongreß als Kampfansage an das
Fast-food organisiert wurde. Überall auf der Welt werden Winzer durch die
Terroirbewegung animiert, ihre Weinberge neu zu entdecken: Die unterschiedlichen
Böden, das wechselnde Mikroklima, die traditionellen Sorten, die alten,
tiefwurzelnde Reben mit wenigen, aber kleinen Trauben…
Terroir animiert dazu, auf die Natur zu hören, in die natürlichen
Reifeprozesse des Wein zu vertrauen. So entstehen Weine, die in der Lage sind
von ihrer Herkunft zu erzählen, von Granit, von Basalt und Muschelkalk, von der
Asche glühender Vulkane und von Schiefersedimenten uralter Meeresböden.
Terroirweine lassen uns Teilhaben an den Finessen verschiedener Rebsorten, am
Geschmack von Regen und Trockenheit, von Hitze und Kälte und an der Arbeit und
den Träumen der vielen Menschen, die sie auf ihrem Weg ins Glas begleitet
haben.
Terroir ist der spannende Lernprozess zu begreifen, dass ein guter Wein mehr ist
als die wissenschaftlich darstellbare Summe von Boden, Reben, Mikroklima und
menschlicher Arbeit: Ein fragiler Prozess der Verände-rung, ein komplexes
Gebilde an der Grenzfläche von Planung und Intuition, von Kontrolle und Laisser
faire, von Apollo und Dionysos. Damit ist Terroir die Abkehr von der Idee der
Optimierung mittels linearer Extrapolation. Die Inszenierung der Mona Lisa im
Palace of Living Arts in Los Angeles, wo nicht nur auf einer Staffelei die
perfekten Reproduktion des berühmten Gemäldes zu bewundern ist sondern auch
ein wächserner Leonardo nebst seiner, endlich das Rätsel ob der Schönheit
ihres Hinterteil lüftenden, Modell sitzenden Gioconda, wirkt lächerlich neben
dem Original im Pariser Louvre.
Nicht das Perfekte, die »Fehltöne schmecken grandios«, bekennt der Tenor und
Weinliebhaber Christoph Prégardien. Oftmals geradezu kubistisch anmutende Weine
provozieren unsere Sinne und erlauben die Wahrnehmung ganz anderer
Wirklichkeitsebenen. Terroirweine haben viel Gemeinsam mit einem Konzertbesuch.
Hier »werden dem Herzensohr der Zuhörer mehr musikalische Vokabeln und eine
kom-pliziertere musikalische Grammatik abverlangt. Aber sie werden dafür mit
einer immens reichen Klangwelt belohnt«, sagt Anne-Sophie Mutter und spricht
von einem »geheimen, fast spirituelle Band«, zwischen Interpreten und dem
Publikum.
Ein guter Geist weht in der Weinwelt. Sein Name ist Terroir.
Er vereint kritische Feinschmecker, engagierte Winzer, vorausschauende Politiker
und Naturliebhaber. Jenseits von Coca-Cola sammelt er die wachsende Gemeinde kompromissloser
Genießer zu einer spannende Reise in die Welt des authentischen und komplexen
Geschmacks.
Der Verfasser ist Winzer
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